Auf ein Glas mit dem Wi(e)rtschaftsminister

Wenn Leute miteinander verwandt sind, kann man das manchmal sehen. Bei Sprachen ist es nicht anders. Wenn Sprachen (oder anders formuliert: Varietäten – ein Oberbegriff für Sprachen, Dialekte und alles dazwischen) einen gemeinsamen Ursprung haben, gibt es Gemeinsamkeiten in allen Bereichen: Aussprache, Wortstruktur, Satzbau usw. Auch verwenden eng verwandte Sprachen oft ähnliche Wörter für dieselben Dinge. Dann kann man eventuelle Gemeinsamkeiten noch leichter erkennen. Dem deutschen Wort Apfel zum Beispiel entsprechen das englische Wort apple und das niederländische Wort appel, die man offensichtlich ein bisschen anders schreibt als das deutsche Wort (und zwar, weil man sie auch ein bisschen anders ausspricht) – aber die Verwandtschaft ist erkennbar. Dem Wort Apfel entspricht aber auch das französische Wort pomme. Auf Basis dieser vier Wörter muss man davon ausgehen, dass das Französische mit dem Deutschen weniger eng verwandt ist als das Niederländische und das Englische. (Das stimmt auch, aber vier Wörter sind zugegebenermaßen eine etwas magere Datengrundlage.) Dass Apfel gerade im Deutschen (genauer: im Standarddeutschen, das umgangssprachlich auch als ›Hochdeutsch‹ bezeichnet wird – grob gesagt: tagesschau-Deutsch) einen pf-Laut hat und im Englischen (genauer: im Standardenglischen) und Niederländischen (genauer: im Standardniederländischen) einen p-Laut, ist ein sprachgeschichtlicher Zufall. Aber es ist ein Zufall, der einer Systematik folgt: Nimmt man sich andere Wörter, die im Deutschen ein pf haben (Kopf, Pforte, stopfen), und sucht nach einem Äquivalent im Englischen oder Niederländischen, findet man dort auch einen p-Laut (nl. kop, engl. port, nl. stoppen) – unabhängig davon, ob die Bedeutung in beiden Sprachen exakt übereinstimmt. Aus diesen systematischen Unterschieden kann man Rückschlüsse ziehen auf den genauen Grad der Verwandtschaft der Sprachen oder darauf, wie das Wort in früheren Zeiten, über die vielleicht keine Belege vorliegen (oder zumindest nicht für jedes Wort), gelautet haben muss. Der Vergleich ist aber auch dann interessant, wenn man ihn auf der Ebene der heutigen Sprachverwendung zieht.

Bei Vokalen ist es übrigens nicht anders. Und ›Dialekte‹ (also Varietäten, die keinen offiziellen Status haben) oder kleinere Sprachen dürfen auch mitmachen. Nehmen wir zum Beispiel fünf Wörter aus dem Standarddeutschen – Kirche, Wirt, Birke, Hirte, Stirn – und übersetzen sie ins Vorderpfälzische, mit dem ich einigermaßen vertraut bin: Kersch, Wert, Berk, Hert, Stern. Oder wie ist es mit dem Luxemburgischen? Kierch, Wiert, Bierk, Hiert, Stier. Wenn wir uns nur auf den Vokal konzentrieren, entsteht ein klares Bild: Dem kurzen i des Standarddeutschen entspricht – zumindest dann, wenn ihm ein r folgt – im Pfälzischen ein e (das ungefähr wie das e im standarddeutschen Wort Test ausgesprochen wird) und im Luxemburgischen ein ie (das ungefähr wie das ie im standarddeutschen Wort Miete ausgesprochen wird). Kann man davon ausgehen, dass das auf alle Wörter zutrifft, die im Standarddeutschen ein -ir- haben? Ja und nein. Die Wörter oben habe ich natürlich nicht zufällig ausgewählt, sondern, weil an ihnen eine Systematik klar erkennbar wird. Als Gegenbeispiel könnte man das Wort Schirm (in der Bedeutung ›Regenschirm‹) heranziehen: Im Pfälzischen lautet es Scherm, genau wie erwartet; im Luxemburgischen lautet es Prabbeli – also offensichtlich ein völlig anderes Wort (nämlich eines, das mit dem französischen parapluie verwandt ist). Oder nehmen wir das Wort Birne (in der Bedeutung ›Baumfrucht‹): Im Luxemburgischen lautet es Bier, also genau das, was wir auf Basis der fünf Wörter oben vom Vokal her erwarten würden; im Pfälzischen, das mir vertraut ist, lautet es aber Beer und nicht *Bern. Es gibt also Fälle, in denen eine solche Lautentsprechung aus verschiedenen Gründen nicht vorhanden ist, aber generell kann man davon ausgehen, dass die Systematik auf die große Mehrheit der Wörter zutrifft.

Als ich neulich das (Internet-)Radio angemacht habe, wurde bei RTL Radio Lëtzebuerg gerade ein Interview mit Franz Fayot angekündigt. Er ist der ›Wirtschaftsminister‹ des Landes – und das ist nicht nur die deutsche, sondern auch die luxemburgische Bezeichnung seines Amtes. Aber wieso Wirtschaft? Hatten wir nicht gerade festgestellt, dass einem deutschen -ir- im Luxemburgischen in der Regel ein -ier- entspricht? Ein Blick ins luxemburgische Wörterbuch lehrt, dass es das Wort Wiertschaft tatsächlich gibt. Wenn man genauer hinschaut, sieht man aber, dass es im Lëtzebuerger Online Dictionnaire (LOD) nur mit einer Bedeutung geführt wird, nämlich ›Gastwirtschaft‹ (Synonyme: Café, Bistro). Der Beispielsatz im LOD lautet: »Ech ginn all Sonndeg an d’Wiertschaft op de Stamminee«. Im Deutschen hingegen bezeichnet man mit Wirtschaft auch ein ökonomisches System (und noch eine Reihe weiterer Dinge, die hier nicht zur Sache tun). Ist dem luxemburgischen Wort Wiertschaft also die Bedeutung ›ökonomisches System‹, die es im Deutschen gibt, verloren gegangen oder hat es sie nie gehabt?

Die Antwort auf die Frage ist vermutlich in der Geschichte und der Rolle des Luxemburgischen zu suchen, die anders ist als die des Standarddeutschen. Bemühungen um einen überregionalen Standard, an dem sich der öffentliche Sprachgebrauch orientiert, gehen im Deutschen bis ins 17. Jahrhundert zurück; staatliche Unterstützung erhielten sie spätestens ab dem deutschen Kaiserreich von 1871. Dagegen wurde das Luxemburgische erst 1984 zur Nationalsprache erhoben und ist seitdem, neben Deutsch und Französisch, die dritte Amtssprache von Luxemburg. Noch heute wird Luxemburgisch etwa in der Schule, der Rechtsprechung oder in den Medien nicht im selben Umfang verwendet wie das Standarddeutsche in Deutschland, wo seit Langem praktisch in allen Domänen des öffentlichen Lebens ein am überregionalen Standard ausgerichteter Sprachgebrauch gepflegt wird (mit je nach Bereich mehr oder weniger regionaler Variation). In Luxemburg hingegen ist zum Beispiel im Radio oft Luxemburgisch zu hören, aber in den größten Tageszeitungen sind die allermeisten Artikel auf Deutsch (einige auf Französisch, wenige auf Luxemburgisch). Im Parlament wird ebenfalls viel Luxemburgisch gesprochen, aber die Website des Chambre des Députés ist komplett auf Französisch. Auch Gesetze werden auf Französisch ausgefertigt. Luxemburgisch war also lange vor allem Mammesprooch, die Muttersprache, die im direkten Gespräch mit anderen verwendet und gepflegt wurde, aber im öffentlichen Leben weniger Raum hatte. In den letzten Jahr(zehnt)en wurde die Rolle des Luxemburgischen allerdings ausgeweitet. 2018 wurde etwa das Zenter fir d’Lëtzebuerger Sprooch eingerichtet, das zum Ziel hat, »de Stellewäert vun der Lëtzebuerger Sprooch ze stäerken [an] d’Norméierung, de Gebrauch an d’Etüd vun der Lëtzebuerger Sprooch virunzedreiwe« (den Stellenwert der Luxemburger Sprache zu stärken [und] die Normierung, den Gebrauch und die Erforschung der Luxemburger Sprache voranzutreiben).

Aber zurück zur Wirtschaft: Sucht man in deutschen Wörterbüchern, zum Beispiel dem Etymologischen Wörterbuch des Deutschen, stellt man fest, dass das Wort schon in alt- und mittelhochdeutschen Quellen gefunden wurde und dass die Bedeutung ›Gaststätte‹ älter ist (nachgewiesen ab dem 16. Jahrhundert) als die Bedeutung ›ökonomisches System‹ (19. Jahrhundert). Es überrascht daher nicht, dass sich der Vokal in diesem jahrhundertealten Wort entsprechend der oben beobachteten Systematik verhält (also im Deutschen -ir- lautet und im Luxemburgischen -ier-) und dass das luxemburgische Wiertschaft zumindest einige der älteren Bedeutungen mit dem Deutschen teilt. Man könnte annehmen, dass in einer Sprache wie dem Luxemburgischen, derer man sich vor allem im Privaten bedient(e), die Bedeutung ›Gaststätte‹ eine wesentlichere ist (oder war) als die Bedeutung ›ökonomisches System‹. Man unterhält sich mit seinen Nachbar*innen, Verwandten, Freund*innen oder denen, denen man in der Wirtschaft begegnet, wohl häufiger über einen Kneipenbesuch als über die Weltwirtschaft. Es ist also ebenfalls nicht überraschend, dass es gerade die Bedeutung ›Gaststätte‹ ist, die das Luxemburgische mit dem Deutschen teilt. Je mehr dem Luxemburgischen aber eine Rolle im öffentlichen Leben zuteil wurde, desto mehr entstand der Bedarf, auch Begriffe für Konzepte zu finden, die außerhalb des Privatbereichs liegen – zum Beispiel eine Bezeichnung für ein ökonomisches System, das im Deutschen Wirtschaft genannt wird. Um diesen Bedarf zu decken, können sich Sprecher*innen einer Sprache dreier Strategien bedienen: Sie können sich ein komplett neues Wort ausdenken – das ist sehr selten. Sie können auch die Bedeutung eines vorhandenen, inhaltlich verwandten Wortes erweitern. Als dritte Option stehen Lehnwörter zur Verfügung: Man übernimmt das Wort, das eine andere Sprache für das Konzept verwendet, für das man ein Wort sucht. Es ist nicht gesagt, dass alle Sprecher*innen bei der Suche nach einem Begriff dieselbe Strategie wählen, aber es ist oft so, dass sich am Ende einer der Fraktionen durchsetzt.

Im Fall der Wirtschaft ist das die Lehnwortfraktion. Neben dem Luxemburgischen spielen in Luxemburg zwei weitere Sprachen eine große Rolle, vor allem im öffentlichen Leben (Presse, Gesetzgebung etc.): Deutsch und Französisch. Wirft man einen erneuten Blick ins LOD, sieht man, dass einem im Luxemburgischen zwei Wörter zur Verfügung stehen, wenn man über das ökonomische System sprechen will: Ekonomie (verwandt mit dem französischen Begriff économie) oder Wirtschaft (verwandt mit dem deutschen Begriff Wirtschaft). Dadurch entsteht ein Begriffspaar mit einerseits der Wiertschaft, einem alten Wort, das der Lautsystematik der luxemburgischen Sprache folgt und dessen Bedeutung eher im Privatbereich liegt, und andererseits der Wirtschaft, einem neueren Wort, das – inklusive des für das Luxemburgische ungewöhnlichen Lautstands mit -ir- statt -ier- – aus dem Deutschen entlehnt wurde und dessen Bedeutung im öffentlichen Sprachgebrauch eher relevant ist als im Privaten. In anderen Varietäten, die keinen hohen Stellenwert im öffentlichen Leben haben oder hatten, verhält sich das übrigens genauso: Im Pfälzischen, wie es mir bekannt ist, ist eine Gaststätte eine Wertschaft (mit der erwarteten Lautentsprechung), aber das ökonomische System die Wirtschaft (das wohl inklusive der Lautung aus dem Standarddeutschen übernommen wurde). Das Standarddeutsche hat hingegen für beides nur eine Wortform: Wirtschaft. Sag da noch einer, dass Dialekte oder kleine Sprachen weniger komplex sind …

Dieser Text ist inspiriert durch einen Tweet des Zenter fir d’Lëtzebuerger Sprooch, der auf einem Tweet des luxemburgischen Journalisten Claude Biver basiert. Auf Twitter leisteten @sand2drn, @taaljournalist, @ph_kraemer und @Blebbi hilfreiche Beiträge. Allen vielen Dank!

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