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Mein Beitrag von vor einem guten Monat über die Petala mit ihren zahlreichen Alternativglyphen kam mir wieder in den Sinn, als ich mir die neueste Veröffentlichung von Gerard Unger (via Typekit) näher ansah. Alverata heißt sie. Die Herleitung und Entwicklung der lateinischen Formen erfolgte im Rahmen von Gerard Ungers Promotion an der Universität Leiden. Zusätzlich unterstützt die Schrift polytonisches Griechisch, das in Zusammenarbeit mit Gerry Leonidas (Γεράσιμος Λεωνίδας; University of Reading) and Irene Vlachou (Ειρήνη Βλάχου; Athen) entstand, sowie Kyrillisch, zu dessen Gestaltung Tom Grace einen Beitrag leistete. Hier ein kleiner Eindruck:

Oben gezeigt ist die ›normale‹ Alverata – übrigens gleich auf den ersten Blick als typisch unauffälliger, vermutlich angenehm zu lesender Unger-Entwurf erkennbar. Diese Version der Alverata kommt allerdings nicht allein. Es gibt zwei weitere: ›Informal‹ und ›Irregular‹. Letztere ist am deutlichsten von romanischen Inschriften aus dem 11. und 12. Jahrhundert inspiriert, mit denen sich Unger für seine Dissertation beschäftigt hat. Die Irregular enthält, wie diese Inschriften, Formen in der Tradition der römischen Capitalis quadrata sowie afrikanischer und insularer Unzialschrift. Daher weichen zum einen einzelne Buchstaben von der Normalversion der Schrift ab. Zum anderen wurden zu einigen Buchstaben zusätzlich Alternativglyphen gezeichnet, die einander – dank OpenType – beim Tippen automatisch abwechseln. Wörter mit zwei- oder dreimal demselben Buchstaben hintereinander können so von ein wenig romanischer varietas profitieren. Das sieht wie folgt aus:


Von den lateinischen Großbuchstaben haben ›A‹, ›E‹, ›L‹, ›N‹ und ›T‹ jeweils zwei Varianten, von den Kleinbuchstaben ›f‹, ›g‹, ›h‹, ›m‹, ›q‹, ›t‹, ›u‹. Minuskel-›a‹ und -›e‹ kennen sogar drei Varianten, die alle oben zu sehen sind. Die griechischen und kyrillischen Formen haben keine Varianten. Ob die Formvielfalt einen praktischen Nutzen hat oder bloß ein akademisch-konzeptueller Gag ist, wird sich erweisen. Was sich jetzt schon zeigt, ist, dass die technische Umsetzung nicht ganz reibungslos funktioniert, obwohl die Alternativglyphen nicht bloß als stilistischer Satz angelegt sind. Erstens scheint der Ligatursatz von den Ersetzungen beeinträchtigt zu werden: Tippt man das Wort ›finden‹, wird zwar nicht das alternative ›f‹ dargestellt, aber zur Ersetzung von ›fi‹ durch eine Ligaturglyphe kommt es auch nicht. Bei ›filmen‹ dagegen funktioniert die Ersetzung, wie sie soll. Zweitens leiden die Ersatzformen unter einer merkwürdigen Ker­ning­schwäche in einigen Anwendungen: ›Ta‹ und ›Tu‹ sind zum Beispiel negativ gekernte Paare (›Te‹ wurde offenbar übersehen), die aber etwa in Adobe Illustrator auf einmal ohne Unterschneidung nebeneinander stehen, wenn das ›a‹ oder das ›u‹ durch eine der Alternativformen ersetzt wird. Das Kerning der alternativen Minuskeln gegen die (regulären und alternativen) Versalien scheint bisweilen nicht zu greifen. Solche Bugs sollten in künftigen Versionen korrigiert werden.

Und dann ist da ja noch Familienmitglied Nummer 3: die Alverata Informal. Mit ihr komme ich zum Beginn und zum Vergleich mit der Petala zurück: Während Letztere haufenweise Formvarianten in stilistische Sätze packt, hat man bei der Alverata für diese Alternativglyphen ein eigenes Fontpaket generiert. Im Grunde geht es um drei Buchstaben des lateinischen Alphabets (›a‹, ›e‹ und ›g‹) bzw. zwei des kyrillischen (›а‹ und ›е‹) und davon abgeleitete Formen, die sichtbar angepasst wurden. Zusätzlich wurde bei einigen Buchstaben der Überlauf vom Bauch bzw. der Schulter zum Stamm minimal verbreitert und versetzt (bei ›b‹, ›d‹, ›h‹, ›m‹, ›n‹, ›p‹, ›q‹, ›u‹ sowie kyrillischem ›р‹) – eine in Lesegrößen unsichtbare und selbst in der Abbildung unten kaum merkliche Veränderung.

Die griechischen Buchstaben bleiben wiederum von den Veränderungen unberührt. Ich weiß nicht, wodurch die Entscheidung für eine separate Schriftfamilie ›Alverata Informal‹ motiviert war. Vielleicht wollte man auch Kunden, die Software ohne OpenType-Unterstützung verwenden, den Zugriff auf die Alternativformen ermöglichen. Die finanziellen Folgen davon sind allerdings erheblich: Für die ›normale‹ Alverata mit ihren sechs Strichstärken sowie jeweils einem aufrechten und einem kursiven Schnitt werden 699 Euro fällig. Das ist mit fast 60 Euro pro Schnitt am oberen Ende der preislichen Skala, aber für eine Schriftart, die drei Schriftsysteme unterstützt, vielleicht noch akzeptabel. Dass für die Alverata Informal, die sich, wie beschrieben, nur in einer Hand voll Glyphen erkennbar und einigen weiteren kaum wahrnehmbar von der ›normalen‹ Alverata unterscheidet, noch mal 425 Euro fällig werden, finde ich dagegen schwer begreiflich. Ich habe auf der TypeTogether-Seite auch keine Hinweise darauf gefunden, dass die Alverata Informal für Käufer der ›normalen‹ Variante günstiger angeboten würde. Dank eines praktischen InDesign-Plugins kann ich mit einiger Sicherheit behaupten, dass sich die ›normale‹ Alverata und die Informal-Variante tatsächlich nur in den von mir beschriebenen Punkten unterscheiden. Wir reden hier also von sechs Schnitten, die mit je 70 Euro zu Buche schlagen und gegenüber Normalversion bloß ein paar Alternativformen bieten, die man bei hunderten anderen Schriftarten gratis bzw. für einen kleinen, unsichtbaren Aufpreis dazubekommt. Das ist selbst für eine Schriftart mit Doktorgrad eine bemerkenswerte Offerte. Ich hätte es fairer gefunden, die Informal-Glyphen mithilfe stilistischer Sätze in die ›normale‹ Alverata zu integrieren und das Ergebnis für nicht mehr als 699 Euro anzubieten – wahlweise auch als getrennte Fonts für Office- und Webnutzung.

Update: Auf Nachfrage habe ich von TypeTogether erfahren, dass die auf deren Website beschriebene Rabattregelung auch auf ganze Schriftfamilien zutrifft. Dort heißt es: »Buy a single weight (or more) now and get reimbursed if you buy the whole font bundle later at any time«. Wer also erst zwei oder drei Schnitte einer Schriftfamilie erwirbt, kurz darauf noch ein paar und später die restlichen, wird nicht mehr zahlen, als wenn er das gesamte, mengenrabattierte Paket direkt gekauft hätte. Das gilt, wie mir jetzt mitgeteilt wurde, auch, wenn man erst die Alverata Informal für 425 Euro separat erwirbt und zu einem späteren Zeitpunkt auch noch die Alverata ›Normal‹, die einzeln für 699 Euro angeboten wird. Der Endpreis wird, so habe ich mir sagen lassen, 849 Euro nicht überschreiten – das ist der Betrag, der für das ›Alverata Bundle‹ fällig wird, wenn man alle drei Varianten der Schrift auf einen Schlag kauft.

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