Plakat von WeGo Public Transit, der Verkehrsgesellschaft von Nashville, mit dem Text ›Driving is booooring‹

It is possible to get on a bus. Oder: ÖPNV in the USA.

Von was, das es woanders auf der Welt gibt, aber nicht in dem Land, in dem du lebst, würdest du dir wünschen, dass es das auch bei dir gäbe? Wenn diese Frage gestellt wird, ist die Antwort, die ich von US-Amerikanern gehört und gelesen habe, oft dieselbe: einen öffentlichen Personennahverkehr ›wie in Europa‹. Aber was ist eigentlich der Unterschied? Vor ein paar Wochen bin ich in Düsseldorf in ein Flugzeug gestiegen und in Nashville, Tennessee aus einem anderen Flugzeug. Meine Eindrücke, die auf Beobachtungen am Start- und Endpunkt dieser Reise beruhen, geben einen Einblick in das, was links des Atlantiks anders ist als rechts davon – zumindest dann, wenn man in einen Bus steigt.

Panorama der Innenstadt von Nashville

Nashville City Limits

Düsseldorf und Nashville haben manches gemeinsam: Beide Städte sind Hauptstädte des Bundeslandes (Nordrhein-Westfalen) bzw. -staates (Tennessee), in dem sie liegen. Von der Einwohnerzahl her sind sie grob vergleichbar: rund 620.000 in Düsseldorf, rund 660.000 in Nashville. In der nach Einwohner­­zah­len sortierten Liste der Städte im jeweiligen Land rangiert Nashville auf Platz 24, Düsseldorf in Deutsch­land hingegen auf Platz 7. Vielleicht müsste man Nashville also eher mit Wiesbaden vergleichen, das in Deutschland Platz 24 belegt. Ein weiterer Unterschied ist die Siedlungsstruktur von Land und Stadt: Tennessee ist größer und dünner besiedelt als Nordrhein-Westfalen. Rund 60 Einwohner pro Quadrat­kilometer dort stehen rund 500 Einwohnern auf derselben Fläche hier gegenüber (womit NRW der am dichtesten besiedelte Nicht-Stadtstaat in Deutschland ist). Von Nashville aus ist Memphis die nächste Stadt vergleichbarer Größe: rund 340 km entfernt. Von Düsseldorf nach Essen, das etwas kleiner ist, sind es keine 40 km – von größeren Städten (Köln) und dem Rest des Ruhrgebiets in nächster Nähe ganz zu schweigen. Auch die Fläche der Stadt unterscheidet sich: Nashville ist mit einer Landoberfläche von rund 1300 km² fast sechsmal so groß wie Düsseldorf. Daraus ergibt sich eine Bevölkerungsdichte von rund 500 pro Quadratkilometer in Nashville und knapp 2800 in Düsseldorf. Die Städte sind also zugleich vergleichbar und nicht vergleichbar. Und das, was für Düsseldorf oder Nashville gilt, mag teilweise generalisierbar sein für den Rest des Landes, aber teilweise eben auch nicht. Keep that in mind.

300.000 Riders – Per Day or Per Year?

Unterschiede zeigen sich auch bei den verfügbaren Verkehrsmitteln: Beide Städte haben einen Flughafen (der allerdings selbst in den USA nicht unter ›Nahverkehr‹ fällt). Beide Städte haben einen Bahnhof. Genauer gesagt: Düsseldorf verfügt über ein Netz von Bahnhöfen, dessen größter Düsseldorf Hauptbahnhof ist. Hier finden auf 16 Gleisen jeden Tag rund 630 Zugbewegungen im Fernverkehr und 500 im S-Bahn-Verkehr statt. Der Bahnhof wird täglich von rund 270.000 Reisenden genutzt. Nashville ist an Amtrak, das Schienenfernverkehrsnetz der USA, derzeit nicht angebunden und damit die zweitgrößte Stadt des Landes ohne eine solche Anbindung (die größte ist Columbus, Ohio). Seit 2006 gibt es den Music City Star, einen Nahverkehrszug, der Nashville mit dem 50 km entfernten Lebanon verbindet. Je nach Haltepunkt gibt es derzeit täglich 4–6 Abfahrten. Pro Jahr nutzen rund 290.000 Personen den Zug. Ein wichtiges Verkehrsmittel in beiden Städten sind Busse (in Düsseldorf ergänzt durch Straßenbahnen). Auch für Busse ist der Hauptbahnhof in Düsseldorf der wichtigste Knotenpunkt. In Nashville kommt alles an der Station Music City Central zusammen. Wie verläuft eine Fahrt mit einem Bus von WeGo Public Transit, wie sich die Verkehrsgesellschaft von Nashville seit letztem Jahr nennt?

Plakat von WeGo Public Transit, der Verkehrsgesellschaft von Nashville, mit dem Text ›Driving is booooring‹

A Weekend that Lasts All Week

Der erste Schritt ist, herauszufinden, welchen Bus man nehmen könnte. WeGo teilt seine Fahrplandaten mit Google, sodass man einfach in Google Maps Start- und Zielpunkt angeben kann und die bestmögliche Verbindung angezeigt bekommt, inklusive Livedaten zu eventuellen Verspätungen. Besser geht’s nicht. Die Häufigkeit, mit der die Busse verkehren, erinnert jedoch selbst an Werktagen an einen Takt, der in deutschen Großstädten eher am Wochenende eingehalten wird – also Abfahrten alle 30–60 Minu­ten. Immerhin: Seit einigen Jahren existiert der Music City Circuit, bei dem mit Elektrobussen alle 15–30 Minu­ten zwei Routen in der Innenstadt bedient werden. An den Rändern des Tages und am Wochen­ende dünnen die Verbindungen weiter aus. Ein Beispiel: Vom Hilton Airport Hotel, in dem wir übernachteten und das etwas außerhalb gelegen ist, gibt es eine direkte Anbindung an die Innenstadt. Aller­dings muss man zu einigen Zeiten eine Linie nehmen, die zunächst in die Gegenrichtung aus der Stadt heraus Richtung Flughafen fährt und erst auf dem Rückweg die Innenstadt ansteuert. Fahrtdauer mit dem Auto auf direktem Weg: vielleicht eine Viertelstunde. Fahrtdauer mit dem Bus via Flughafen: etwa das Dreifache. Eine weitere Besonderheit fiel an einem Samstagvormittag auf. Wir waren nicht sicher, ob wir den Bus vom Hotel Richtung Innenstadt um 8:30 Uhr bekommen würden, und gingen davon aus, dass man im Zweifel mit dem nächsten Bus fahren könnte – eine Stunde später oder so. Wir hatten die Rechnung ohne das Wochenende gemacht. Der nächste Bus wäre kurz vor 16 (!) Uhr gefahren.

Crossing at Your Own Risk

Wenn man weiß, wohin man wann fahren will, ist der nächste Schritt der Weg zur Haltestelle. Wo die sich befindet, ist für Ortsfremde nicht immer gleich ersichtlich. Die Schilder sind klein und jeweils nur auf der aus Fahrtrichtung sichtbaren Seite bedruckt. Kommt man von der anderen Seite, sieht man nur die graue Metallrückseite. Manchmal gibt es ein Bushäuschen; dann weiß man wenigstens, wohin man muss. Startet man zum Beispiel vom Hilton Airport Hotel aus, kommen zwei Haltestellen in Frage. Die Haltestelle für direkt stadteinwärts fahrende Busse (Elm Hill Pike & Atrium Way WB) ist – dank Bus­häuschen – vom anderen Ende des Hotelparkplatzes aus leicht erkennbar. Von dort aus noch ein paar Schritte durchs (feuchte) Gras, schon ist man da. Die Haltestelle für stadtauswärts fahrende Busse (Elm Hill Pike & Ermac Dr EB) befindet sich dagegen auf der anderen Straßenseite. Straße bedeutet hier: eine fünf- bis sechsspurige Straße, auf der um die 90–100 km/h gefahren wird – ohne Bürgersteig oder offizielle Querungsmöglichkeit für Fußgänger. Um zu dieser Haltestelle zu gelangen, muss man zunächst ein Stück auf dem Gras gehen (gibt ja keinen Bürgersteig), dann eine Einmündung überqueren (ohne Fußgängerampel) und dann eben die mehrspurige Straße. Wie man das macht, wenn man nicht gut zu Fuß ist, weiß ich nicht. Die Bushaltestelle verfügt über kein Wartehäuschen. Es gibt nur ein Schild, das am Rand eines vermüllten Entwässerungsgrabens an der Tankstelleneinfahrt steht.

Fahrkarten und Change Cards der Nashville MTA

Cash to Card, but Never Back

Und dann kommt irgendwann der Bus. Wer mitfahren will, braucht eine Fahrkarte. An den Preisen wird es für die meisten nicht scheitern: Erwachsene bezahlen für eine Einzelfahrt $ 1.70, für eine Tageskarte $ 3.25 und für eine Wochenkarte $ 16.00. Egal, wann man sie kauft, gelten Tageskarten in Nashville immer vom Kaufzeitpunkt bis 2 Uhr nachts. In Düsseldorf gibt es Fahrkarten, die ab Kauf 24 bzw. 48 Stun­den gültig sind, unabhängig vom Kalendertag. Dafür ist im Vergleich zu Nashville aber auch der anderthalbfache bis doppelte Preis fällig. Wochen- und Monatskarten kann man in Nashville wohl auch online kaufen, aber die Seite war nicht für mobile Geräte optimiert und wirkte umständlich. Man kauft die Fahrkarte also am besten direkt bei der Person am Steuer. Gezahlt wird nur in bar. Das Bargeld wird, getrennt nach Scheinen und Münzen, in verschiedene Schlitze eines Automaten gesteckt, der sich direkt beim Einstieg befindet, und automatisch verarbeitet. Rückgeld gibt es nicht. Kann man nicht passend zahlen, erhält man eine papierne change card, die man beim Kauf des nächsten Tickets einlösen kann, aber nirgendwo sonst. Der Weg zurück von der change card zum Bargeld ist wohl nicht vorgesehen.

Some More, Others Less

Hat man die Fahrkarte gekauft und sitzt im Bus, kann man sich anschauen, wer noch so mitfährt. Oder auch nicht. Sowohl auf den Linien des kostenlosen Music City Circuit als auch auf anderen Fahrten waren wir mehrmals die einzigen Passagiere oder verdoppelten beim Einstieg die Zahl der Fahrgäste. Das kommt auch in deutschen Großstädten vor, aber zu den Zeiten, zu denen wir die Busse genutzt haben, ist es mir noch nicht passiert. Wenn in Bussen in Nashville doch mal Leute drinsitzen, unterscheiden sie sich sowohl von denen, die in einer Stadt wie Düsseldorf typischerweise den Bus nehmen, als auch von der Gesamtheit derer, die in einer Stadt wie Nashville wohnen. Zwei Gruppen, die in Düsseldorf stark vertreten sind, fehlten in Nashville fast komplett: zum einen Leute auf der Durchreise (mit Koffern und dergleichen), zum anderen Geschäftsleute (mit entsprechender Kleidung). Im Vergleich mit der Gesamtbevölkerung von Nashville sind dafür bestimmte andere Gruppen im Bus überrepräsentiert, zum Beispiel Schwarze. In Nashville ist ein knappes Drittel der Bevölkerung schwarz und/oder afroamerikanisch (ein rund doppelt so hoher Anteil wie in den gesamten USA). Demgegenüber war bei Busfahrten, die wir unternommen haben, der Anteil schwarzer Passagiere weit höher. Statistiken zeigen, dass das Haushaltseinkommen weißer Einwohner von Davidson County (was dem Großraum Nashville entspricht) etwa doppelt so hoch ist wie das schwarzer. Die Arbeitslosenrate ist bei Schwarzen zwei- bis dreimal so hoch wie bei Weißen. Dass Angehörige dieser Gruppen überdurchschnittlich häufig den preiswertesten Weg von A nach B wählen, dürfte nicht überraschen. Mehr als in Düsseldorf sieht man in Bussen in Nashville auch Passagiere, die durch beschädigte, verschmutzte oder unvollständige Kleidung bzw. ungewöhnliches Verhalten (lautes Singen, Selbstgespräche, Unruhe) auf‌fallen. Man fährt, so scheint es, vor allem dann Bus in Nashville, wenn es keine Alternative gibt – weil man kein Auto zur Verfügung hat (bzw. ohnehin kaum imstande wäre, eines zu steuern) oder Uber bzw. Taxi zu teuer wäre. Laufen kann man, anders als in deutschen Städten, nur sehr begrenzt: Die Walkability, also Fußgängerfreundlichkeit, des Großraums Nashville wird mit 28 bewertet (auf einer Skala von 0 bis 100).

No Pullstrings Attached

Wer in den Bus steigt, steigt irgendwann auch wieder aus. Aber wann? Eine Gemeinsamkeit von Nahver­kehrsmitteln in aller Welt dürfte sein, dass es ohne Vorwissen oder technische bzw. soziale Hilfsmittel oft einem Ratespiel gleicht, herauszufinden, wann die Haltestelle erreicht ist, zu der man möchte. Auch in den Bussen in Nashville werden die nächsten Haltestellen mal durchgesagt und mal nicht. Touristen nutzen die Busse – mit Ausnahme des innenstädtischen Music City Circuit – ohnehin nicht bis kaum. Einheimische wissen, wo sie aussteigen müssen (zumindest ab dem zweiten Mal). Für Ortsfremde ist Google Maps daher auch gegen Ende der Fahrt der beste Freund. Anhand der Karte lässt sich ja erkennen, wann es so weit ist und man an der Schnur ziehen muss. Anders als in vielen europäischen Län­dern zeigt man den Haltewunsch in dem Busmodell, das in Nashville genutzt wird, nicht per Knopf­druck an, sondern, in dem man an einem gummiummantelten Seil zieht, das lose entlang der Scheiben hängt. Der Zug löst etwas in einem Kästchen aus, das am Ende des Seils hängt; von dort wird das Signal an die Fahrerin weitergegeben. Es ertönt die automatische Ansage ›Stop requested‹ und der Bus hält. Oder auch nicht. In einer der Linien, die wir nahmen, fuhr der Bus trotz Haltewunsch einfach weiter und kam erst dann, als diejenigen, die aussteigen wollten, sich lautstark bemerkbar machten, ein paar hundert Meter weiter zum Stehen. Das hatte ich in Deutschland – erstaunlicherweise – noch nie erlebt.

This Is My Last Resort

Auch bevor ich in Nashville war, konnte ich den Wunsch mancher Amerikaner nach einem Nahverkehr ›wie in Europa‹ nachvollziehen. Seit ich dort war, habe ich ein genaueres Bild davon, was die praktischen Hindernisse sind. Die bereits weiter oben zitierte Seite Walkscore bemisst die Qualität des öffentlichen Nahverkehrs im Großraum Nashville mit 24 Punkten (auf einer Skala von 0 bis 100) und fasst den Stand der Dinge knapp wie treffend zusammen: »It is possible to get on a bus.« Das ist ohne Zweifel so: Busse fahren. Man kann herausfinden, wo und wann. Man kommt an Fahrkarten und von A nach B. Nicht zuletzt deswegen haben wir nahezu sämtliche Wege durch Nashville mit Bussen (oder zu Fuß) zurückgelegt – mit Ausnahme einiger weniger Fahrten, die ohne Uber oder Hotelshuttle praktisch unmöglich gewesen wären. Der Nahverkehr existiert also, aber jenseits der Schwelle der Selbstverständlichkeit und praktischen Nutzbarkeit. Selbst Touristen, die meist weniger in Eile sind und notfalls eben den nächsten Bus eine Stunde später nehmen könnten, können anscheinend wenig damit anfangen. Für Leute, die zur Arbeit oder zu anderen Terminen müssen, ist der Bus allenfalls dann eine Alternative, wenn kein Auto zur Verfügung steht und alle anderen Optionen ebenfalls ausfallen.

Leerer Bus auf dem Music City Circuit in Nashville, Tennessee

Nashville Won’t Move

Wie geht es weiter mit dem öffentlichen Nahverkehr in Nashville? Vor etwas mehr als einem Jahr fand ein Bürgerentscheid über Let’s Move Nashville statt – ein Projekt, das vorsah, über mehrere Jahrzehnte bis zu 9 Milliarden Dollar (oder, nach anderen Angaben, zumindest gut 5 Milliarden Dollar) in die öffentliche Nahverkehrsinfrastruktur zu stecken. Bis 2032 sollte ein Stadtbahnsystem gebaut werden, sollten Schnellbuslinien ins Umland eingerichtet sowie Investitionen in das bestehende Bus- und Zugnetz getätigt werden. Das Vorhaben wurde am 1. Mai 2018 mit einer Stimmenmehrheit von nahezu zwei Drit­teln abgelehnt. Die Gründe dafür sind, wie so oft, komplex: Es lässt sich darüber streiten, ob die Gegner die Stadt vor einem undurchdachten, durch Steuererhöhungen finanzierten Plan bewahrt oder die Notwendigkeit verkannt haben, in ein Nahverkehrskonzept zu investieren, in dem Autos eine geringere Rolle spielen wie bisher. Wie immer dem sei: Die Investitionen, die im Rahmen von Let’s Move Nash­ville geplant waren, werden nach diesem Wahlergebnis nicht oder erst später stattfinden. Frühes­tens 2020 bestünde die Möglichkeit, über einen modifizierten Projektplan abstimmen zu lassen, aber nach aktuellen Berichten dürfte es eher ein paar Jahre länger dauern, bis tatsächlich ein neues Konzept vorliegt. Man wird sehen, wann es so weit ist und ob das Projekt dann eine Mehrheit erhält. Wenn ja, setze ich mich ein paar Jahre später gerne wieder ins Flugzeug von Düsseldorf nach Nashville – in der Hoffnung, dann in eine Stadt zu kommen, in der eine Fahrt mit dem Bus mehr als der letzte Notnagel ist.

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