Leren pinnen*

Vor einer Woche bin ich von den Niederlanden zurück nach Deutschland gezogen. Ein im Alltag spürbarer Unterschied zwischen den Ländern ist, dass Kartenzahlung in den Niederlanden wesentlich gängiger ist. Im Jahr 2013 fanden in Deutschland rund 2,5 Milliarden Zahlungen mit Bankkarte statt (sagt Die Deutsche Kreditwirtschaft); in den Niederlanden waren es im selben Zeitraum 2,66 Milliarden (sagt die Betaalvereniging Nederland). Umgerechnet auf die Einwohnerzahlen bedeutet das, dass statistisch gesehen jeder Deutsche etwa 30 Mal in diesem Jahr mit Karte bezahlt hat und jeder Niederländer knapp 160 Mal ›gepind‹ hat. Dieser Unterschied schlägt sich in zwei Punkten nieder: erstens in der Zahl der Verkaufsstellen, die überhaupt Kartenzahlung akzeptieren, zweitens in der Bequemlichkeit, mit der die Zahlungen ablaufen. Bis 2010, als ich aus Deutschland wegging, hatte Kartenzahlung für mich praktisch keine Rolle gespielt. Ich werde irgendwann mal was mit Karte bezahlt haben, aber erinnere mich, ehrlich gesagt, nicht mehr dran. In den Niederlanden habe ich zuletzt beinahe alles mit Karte bezahlt – eine Gewohnheit, die ich in Deutschland fortzusetzen versuchen wollte. Ich wusste ja, wie es geht.

Dachte ich. Es gibt vier Arten und Weisen, eine Bankkarte in so ein Lesegerät zu schieben. In den Niederlanden bin ich praktisch nur der Art und Weise begegnet, bei der der Magnetstreifen auf der Karte vom Betrachter wegzeigt (also nach unten oder hinten, je nach Positionierung des Kartenschlitzes) und der Chip in der Karte im Lesegerät verschwindet. Bei meiner ersten Kartenzahlung in Deutschland – im Tedox-Baumarkt – habe ich es daher so versucht: »Andersrum«, sagte die Kassiererin. Ich drehte die Karte so, dass der Chip sich nun nicht mehr im Gerät befand, aber der Magnetstreifen weiterhin von mir wegzeigte. »Nee, noch anders.« Jetzt zeigte der Magnetstreifen zu mir. Immer noch falsch. Schön, dass niemand hinter mir in der Kassenschlange war, während ich – Kartenzahlungsexperte (NL) – alle vier Arten, eine Karte in ein Lesegerät einzuführen, ausprobierte. Ich lernte: Chip im Gerät (macht Sinn), Magnetstreifen nach oben. Nach Eingeben meiner PIN war der metallene Papierkorb bezahlt. Aufgrund von Vorkommnissen wie diesem, so lernte ich später, ist der Kartenleser in einigen Geschäften zum Kassenpersonal, nicht zum Kunden gerichtet. Man übergibt dem Mitarbeiter seine Karte, der sie korrekt ins Gerät schiebt und anschließend dem Kunden das Gerät zudreht – ein archaisch anmutendes Verfahren.

Zweiter Versuch im Penny. Der Versuch, das Gelernte anzuwenden, scheiterte. Chip im Gerät und Magnetstreifen nach oben war falsch. Hier musste der Streifen wieder nach unten zeigen. Dafür wurde ich von einem ›Transaktion erfolgt, Karte entnehmen‹ (oder dergleichen) auf dem Terminal überrascht, bevor ich meine PIN hatte eingeben können. Da es nur um ein paar Euro ging, kam in mir der Verdacht auf, dass es hier vielleicht möglich ist, bis zu einem bestimmten Betrag ohne jegliche Bestätigung durch die PIN mit Karte zu bezahlen. Mir erschien das immer eine clevere Idee. War aber hier nicht der Fall. Die Kassiererin nahm nämlich meine Karte an sich und bat mich um eine Unterschrift. Das hatte ich vor Jahren mal bei meiner Mutter gesehen, dass sie bei der Kartenzahlung unterschreiben musste. Ich unterschrieb, die Kassiererin drehte meine Bankkarte, um die Unterschrift abzugleichen. Auf der Rückseite befand sich: nichts. Ich hatte die Karte des deutschen Kontos, das ich während meiner Zeit in den Niederlanden hatte weiterlaufen lassen, zugeschickt bekommen, aber nie genutzt und daher vergessen, auf der Rückseite zu unterschreiben. »Dann bräuchte ich Ihren Personalausweis.« Außer meinem Schlüssel und der nicht unterschriebenen Karte hatte ich nichts dabei. Nach etwas peinlichem Hin und Her mit Entschuldigungen meinerseits und dem Angebot, das Wasser und die Küchenrolle stehen zu lassen, um meinen Ausweis zu holen, ließ die Kassiererin € 2,49 gerade sein und es bei einer Ermahnung bewenden: »Aber denken Sie dran, auf der Karte zu unterschreiben! Sonst räumt Ihnen einer das Konto leer!« Dieses Mal waren leider Leute hinter mir in der Schlange gewesen. Immerhin blieb die angenehme Erfahrung: Weder hier noch im Baumarkt, wo ich auch nur Kleinkram gekauft hatte, war es ein Problem, einstellige Beträge mit Karte zu bezahlen. Ich erinnere mich noch an die Schilder: »Liebe Kunden, leider können wir Ihnen Kartenzahlung erst ab x Euro anbieten.« Seit meiner Rückkehr habe ich von denen noch keines gesehen. Stattdessen bieten einige deutsche Supermärkte – zumindest Penny und Rewe – seit, wie ich nachlas, mehreren Jahren die Möglichkeit, bei einer Kartenzahlung ab 20 Euro zusätzlich Bargeld (100 oder 200 Euro) auszuzahlen. In den Niederlanden habe ich das noch nie gesehen, aber warum auch, wenn man ohnehin praktisch überall direkt mit Karte zahlen kann?

Dritter und vierter Versuch im HIT-Supermarkt. Ich weiß nicht mehr, wie herum ich die Karte ins Lesegerät stecken musste, aber es war auf Anhieb richtig. Auch hier war keine Eingabe der PIN erforderlich, sondern eine Unterschrift, wobei es mich unwesentlich beleidigte, dass die Kassiererin sich nicht die Mühe machte, den Krakel auf dem Kassenzettel mit dem gewissermaßen jungfräulichen Krakel auf meiner Karte abzugleichen. Die Warnung der anderen Kassiererin, mir könne ja einer das Konto leerräumen, hatte im Kontext einer Bezahlung in Höhe von €2,49 fast lächerlich geklungen, aber in diesem anderen Supermarkt ging es um das Zehnfache (und woanders vielleicht um das Hundertfache). Die Verifikation über die Unterschrift ist daher aus meiner Sicht eine der schlechtesten Möglichkeiten: Sie ist zum einen langsam, weil das Kassenpersonal erst nach einem meist in irgendeine Ritze gerutschten Kuli suchen muss und anschließend die beiden Unterschriften verglichen werden müssen. Zum anderen ist sie unsicher, weil diese graphologischen Blitzgutachten ungefähr die Zuverlässigkeit der Antwort auf die Frage ›Ist die Karte auch ehrlich echt Ihre eigene?‹ erreichen. Bei meinem zweiten Besuch in demselben Supermarkt wartete ich also erneut brav auf den Kuli, als der Kassierer sagte: »Sie müssen Ihre PIN eingeben!« Oh! Verfahren geändert seit meinem letzten Besuch? Nein, sagte er, manchmal müsse man unterschreiben, manchmal die PIN eingeben. Er wisse nicht, wann man was machen müsse, vielleicht Zufallsprinzip. Wenn ja: Warum? Die PIN-Eingabe ist natürlich auch nicht 100-prozentig sicher – Stichwort: Shouldersurfing. Verliert man seine Karte auf der Straße, bietet das PIN-Verfahren allerdings mehr Schutz als die Unterschrift, die als Übungsvorlage auf der Karte selbst steht.

Von Anfang an besser als meine Fähigkeiten bei der eigentlichen Zahlung waren meine Einschätzungen, wo man mit Karte bezahlen konnte und wo eher nicht. Die erwiesen sich nämlich als weitgehend korrekt. In den Niederlanden wäre ich nur bei fliegenden Händlern oder Marktständen skeptisch, ob Kartenzahlung akzeptiert wird (obwohl auch hier immer mehr ›pinautomaten‹ auftauchen). In Deutschland stehen die Chancen auch bei Kiosks und kleinen Einzelhändlern, etwa Bäckereien, schlecht (obwohl ich gerade hier das Gefummel mit dem Kleingeld immer am nervigsten finde). Verschätzt hatte ich mich bei einem in einen Supermarkt integrierten Lotto- und Tabakladen, der auch als Postfiliale fungiert. Praktischerweise befindet sich in diesem Supermarkt auch ein Geldautomat, den ich nach wie vor unfallfrei bedienen kann. An diesem Punkt war der Lernprozess ohnehin so weit gediehen, dass ich wieder in der Lage war, Kartenzahlungen an der Kasse durchzuführen, ohne den Betrieb im Vergleich zu einem fehlsichtigen 90-Jährigen, der ganz sicher ist, 67 Cent klein zu haben, eher mehr als weniger aufzuhalten. Das bedeutet aber nicht, dass die Welt der Kartenzahlung nicht noch zumindest linguistische Überraschungen für mich bereithielt, zum Beispiel im Karstadt, wo ich natürlich mit Karte bezahlen konnte. Die Ware war gescannt, der Betrag war genannt, ich zückte meine Karte, die Verkäuferin sprach: ›Mit Kärtchen?‹ bzw. [ˌmɪt ˈkɛχtʃn̩] (wir befinden uns am Niederrhein). Ich grinste über das unerwartete Diminutiv, steckte die Karte richtigherum ins Lesegerät, gab meine PIN ein und war zufrieden.

* Zu Deutsch: ›Lernen, mit der Karte zu bezahlen‹. Betrachtungen im Geiste der Sapir-Whorf-Hypothese über den Zusammenhang zwischen der Länge des sprachlichen Ausdrucks und der empfundenen Bequemlichkeit der Handlung werden hier nicht angestellt (schade eigentlich).

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