Charis SIL und Gentium Plus

Es gilt das gesprochene Wort: Schriftarten für IPA-Transkriptionen

Das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) ist das wohl präziseste und weltweit verbreitetste System, um Sprachlaute zu notieren. Der mit der Präzision einhergehende Nachteil ist der Bedarf an einer Vielzahl von Zeichen, die keine andere mit dem lateinischen Alphabet geschriebene Sprache mitbringt – im wahrsten Sinne des Wortes ›Sonderzeichen‹. IPA-eigene Diakritika ausgenommen dürfte es rund 75 Zeichen gehen, die teilweise komplett neu gezeichnet werden müssen bzw. aus existierenden Buchstaben abgeleitet werden können. Die Zielgruppe, die diese Zeichen benötigt, ist ziemlich klein. Die Zahl derer, die darüber hinaus Wert auf eine ansprechende Gestaltung der Zeichen legen, ist verschwindend. Dementsprechend machen sich überhaupt nur wenige Schriftdesigner die Mühe, ihren Schriften Lautschrift hinzuzufügen. Ich habe eine Liste von immerhin knapp 40 Schriftarten zusammengestellt, die über einen vollständigen Satz IPA-Zeichen verfügen. Wo möglich, werde ich einige Anmerkungen zur Brauchbarkeit der Zeichen für typografisch anspruchsvolle Projekte machen.

Vorab möchte ich allerdings auf einen kleineren Richtungsstreit unter den Schriftgestaltern hinweisen: Er betrifft die Frage, inwieweit von lateinischen Buchstaben abgeleitete IPA-Zeichen eine eigenständige, chirographische – also vom Schreiben mit der Hand beeinflusste – Form bekommen sollten. Schauen wir uns die folgenden vier Reihen von Buchstaben an:
Charis SIL und Gentium Plus
Man sieht, dass ›n‹ und ›u‹ in beiden Schriften jeweils ihre eigene Serifenstruktur haben. Die Fußserifen des ›n‹, die unten horizontal sind und sich zu beiden Seiten der Vertikalen ausdehnen, sind in ihrer neuen Position als Kopfserifen des ›u‹ angeschrägt und halbiert, während dort die – beim ›n‹ noch schräge – Kopf­serife als neue Fußserife begradigt wurde (Randbemerkung: Man könnte auch andersherum argumentieren; es liegt mir fern, anzudeuten, ›u‹ sei aus ›n‹ her­geleitet oder umgekehrt). Diese Veränderungen sind bei jeder gut gezeichneten Antiqua zu beobachten – aber muss diese selbstverständliche Anpassung auch für ›m‹ bzw. ›r‹ und ihre ›Kinder‹ gelten? Die Charis bietet hier schlicht unverändert gedrehte Zeichen an, während der Gestalter der Gentium, Victor Gaultney, die IPA-Zeichen analog zu dem ›n‹/›u‹-Paar gezeichnet hat. Mir erscheint letztere Lösung besser; die Zeichen wirken organischer und stehen weniger steif auf der Zeile, ganz abgesehen von dem Gewinn an Konsistenz, wenn das abgeleitete neben dem zugrunde liegenden Zeichen steht. Man kann indes nicht davon ausgehen, dass diese Präferenz von allen Schriftgestaltern oder -nutzern geteilt wird. Zudem dürfte einigen Designern die Zeit und Muße fehlen, sich mit diesem Problem auseinanderzusetzen und ggf. eine befriedigendere Lösung als die bloße Spiegelung von Zeichen zu erarbeiten.

Hier nun die Liste, zu der Ergänzungen sehr willkommen sind. Alle Illustrationen sind Beispieltranskriptionen, die ohne manuelle Anpassungen in InDesign gesetzt wurden. Sie zeigen keinen fehlerfreien Satz, sondern, im Gegenteil, mitunter fehlende oder falsch platzierte Zeichen:

  • Allatuq (Michael Everson)
    Der einzige Grund, aus dem diese Schriftart – eine kindlich anmutende Schreibschrift – über Lautschriftsymbole verfügt, ist wohl, dass ihr Designer sich selbst als »Unicode-Guru« sieht und Lust hatte, noch ein paar Zeichen zu gestalten. Für ein Wörterbuch oder eine vergleichbare wissenschaftliche Publikation wäre die Allatuq jedenfalls eine unkon­ventionelle Wahl. Es gibt einen Oblique-Schnitt neben der Aufrechten. Nettes Detail: In der Beschreibung bei MyFonts erfährt man, wie der Name der Schrift korrekt ausgesprochen wird, und zwar [ˈalːatʊq] auf Inuktitut und [ˈælətʊk] auf Englisch. Weniger nettes Detail: Einige Diakritika und hochgestellte Modifikatorzeichen scheinen nicht verfügbar zu sein oder werden zumindest in der MyFonts-Vorschau nicht angezeigt. Caveat emptor.
  • Andika (Annie Olsen)
    Eine hübsche, unter der Open Font License stehende Grotesk, die sich in ihrem weichen Duktus an handschriftliche Formen (einstöckiges ›a‹, zweistöckiges ›g‹) anlehnt. Derzeit gibt es nur einen Regular-Schnitt, der dafür vollständig, solide gezeichnet und professionell produziert zu sein scheint.
    IPA-Schriftmuster der Andika
    Besagtes einstöckige ›a‹, gegen das ansonsten nichts einzuwenden ist, erweist sich im IPA-Kontext als unpraktisch: [a] ist dadurch – wie man oben sieht – von [ɑ] nicht mehr zu unterscheiden. Abhilfe schafft der stilistische Satz Nr. 1, über den man in manchen Anwendungen eine zweistöckige ›a‹-Alternative aktivieren kann. All denjenigen, die die Andika in gängigen Textverarbeitungsprogrammen nutzen wollen, bleibt nur übrig, mithilfe des SIL-eigenen TypeTuners eine angepasste Version der Schriftart (Literacy alternates: False) zu erzeugen und herunterzuladen. In früheren Versionen betraf die einstöckige Gestaltung auch noch den halboffenen Zentralvokal [ɐ], für den die korrekte zweistöckige Glyphe manuell eingefügt werden musste – sofern das softwareseitig überhaupt möglich war. In der aktuellen Version, die ich hier zeige, ist nun allerdings die zweistöckige Version der Default.
  • Andron (Andreas Stötzner)
    Eine Renaissance-Antiqua in vier Schnitten, wobei die – in der aufrechten Regular sehr ausgedehnte – Zeichenbelegung nicht bei allen Schnitten dieselbe ist. Die Lautschriftzeichen gibt es in aufrecht und kursiv; die kursiven Formen fallen schwungvoll und mitunter ungewöhnlich aus. Die Schrift­muster auf der Website sind in puncto IPA nicht sehr aussagekräftig, aber es scheint, als seien alle notwendigen Zeichen vorhanden. In jedem Fall handelt es sich bei der Andron um eine Schriftart, bei der die Serifen­struktur gedrehter und gespiegelter Symbole in der beschriebenen Weise angepasst wurde.
  • Arial (Robin Nicholas, Patricia Saunders & Co.)
    Eine der wohl bekanntesten Serifenlosen der Welt. Die IPA-Zeichen sind voll­ständig und anständig gezeichnet. Nicht aufregend, aber insgesamt unproble­ma­tisch.
    IPA-Schriftmuster der Arial
    Allein Zusatzzeichen wie die Betonungs- und Längenmarkierungen sind dürr geraten. Auch funktioniert die automatische Ligatur von Tonzeichen nicht in allen Versionen (hier gezeigt: Version 6.90). Es gibt die üblichen vier Schnitte (Regular und Bold in aufrecht und kursiv).
  • Arimo (Steve Matteson)
    Diese Serifenlose wurde als ›erfrischende‹, etwas kantigere und leichtere Alternative zur Arial, mit der sie dicktengleich ist, entworfen. Die IPA-Zeichen sind im Prinzip gelungen, auch wenn die Betonungs- und Längenmarkierungen leider die von der Arial bekannte Magerkeit teilen.
    IPA-Schriftmuster der Arimo
    Die Diakritika, die in früheren Versionen größtenteils verrutscht waren, sind in der hier gezeigten Version (2.0) in Ordnung. Kurioserweise steht der Verbindungsbogen, den man in der zweiten Zeile in der Mitte sieht, bei der Arial zu weit rechts und bei der Arimo zu weit links. Abgesehen von derartigen Details ist die Entscheidung zwischen Arial und Arimo primär eine Frage des Geschmacks.
  • Brill (John Hudson)
    Die für den niederländischen Wissenschaftsverlag Brill entworfene und für nicht-kommerzielle Zwecke frei einsetzbare Schriftart ist schlicht erfreulich: Alle Symbole sind, soweit ich sehe, einwandfrei gezeichnet und aufeinander abge­stimmt.
    Brill
    Zudem wurden – wie bei der Cambria aus derselben Schmiede – die Zeichen nicht bloß gedreht, sondern ihrer neuen Position glyphisch angepasst. Dies zeugt von bedachtem Vorgehen, wie auch, dass man sich für folgendes Problem eine Lösung überlegt hat: Das griechische Alphabet hat eine starke kalligraphische Tradition, die sich darin niederschlägt, dass seine Buch­staben einen handschriftlicheren Duktus als die lateinischen zulassen, selbst innerhalb einer Schriftart. Das Grundalphabet des IPA ist jedoch lateinisch; mit diesem müssen griechische Buchstaben, die in die Lautschrift entlehnt wurden, har­monieren. Die Brill löst das nicht dadurch, das gesamte griechische Alphabet aus diesem einen Grund durchzulatinisieren. Sie nutzt vielmehr die OpenType-Technologie, um für die wenigen griechischen Buchstaben, die als phonetische Symbole zweitverwendet werden, in einem stilistischen Satz angepasste Alternativglyphen verfügbar zu machen. Das ist in seiner Rücksicht auf die konträren Bedürfnisse zweier unterschiedlicher Zielgruppen vorbildlich. Inzwischen sind, neben der aufrechten und kursiven Regular, auch die fetten Schnitte veröffentlicht worden.
  • Calibri (Lucas de Groot)
    Eine Grotesk in drei Strichstärken (Light, Regular, Bold) und eine der ClearType-Schriften von Microsoft. Hier stimmt fast alles: Jedenfalls habe ich nichts Negatives über die Gestaltung der Glyphen, die Vollständigkeit des Zeichensatzes oder die Platzierung der Modifikatoren anzumerken (na gut, die Längenmarkierung könnte auch hier etwas mehr Fleisch vertragen – sei’s drum).
    IPA-Schriftmuster der Calibri
    Das einzige kleine Problem, das ältere Versionen der Calibri haben, ist in der hier gezeigten Version (6.11) behoben worden. In diesen älteren Versionen verfügt das Zeichen [ɪ] für den Laut, der auf die Bezeichnung ›ungerundeter zentralisierter fast geschlossener Vorderzungenvokal‹ hört, nicht über Querbalken, die die Unterscheidung vom einfachen ›i‹ erleichtern. Wie dramatisch dieser Schönheitsfehler ist, muss wohl jeder für sich beant­worten. Ich finde ihn beim Lesen von Transkriptionen durchaus störend, auch wenn es kein Zeichen gibt, mit dem eine Verwechslung wahrscheinlich wäre.
  • Cambria (John Hudson, Jelle Bosma, Steve Matteson & Robin Nicholas)
    Noch eine ClearType-Schriftart, dieses Mal eine Antiqua, die es ebenfalls in den üblichen aufrechten sowie kursiven Regular- und Bold-Schnitten gibt.
    IPA-Schriftmuster der Cambria
    Mir ist nichts Negatives an den Lautschriftzeichen (hier gezeigt: Version 6.90) aufgefallen – uneinge­schränkte Empfehlung für alle Zwecke, auch fürs Web.
  • Cardo (David J. Perry)
    Diese Schriftart ist im Rahmen der Medieval Unicode Font Initiative (MUFI) entwickelt worden. Die Initiative ist ein Projekt von Wissenschaftlern, die sich seit 2001 darum bemühen, dass Zeichen der lateinischen Schrift, die in mittelalterlichen Handschriften vorkommen, in den Unicode-Standard aufgenommen bzw. in der Private Use Area bestimmter Fonts konsistent kodiert werden. Die Cardo ist eine von drei Schriftarten, die alle Zeichen des MUFI-3.0-Zeichensatzes abdecken, und für nicht-kommerzielle wissenschaftliche Texte kostenlos verwendbar. Es handelt sich um eine französische Renaissance-Antiqua, die auf einer Arbeit des venezianischen Stempelschneiders Francesco Griffo basiert. Einen ähnlichen Entwurf kennt man als ›Bembo‹, benannt nach dem Autor des ersten Werkes, das mit dieser Schriftart von Aldus Manutius herausgegeben wurde.
    IPA-Schriftmuster der Cardo
    Die Qualität dieser Digitalisierung, die in drei Schnitten (Regular, Italic, Bold) vorliegt, ist annehmbar. Zumindest die Buchstaben des ASCII-Zeichensatzes sind anständig gezeichnet, wobei selbst hier bisweilen auffällt, dass die Strichstärke der Buchstaben schwankt und auf der Seite ein fleckiger Grauwert entsteht. Die IPA-Zeichen variieren zwischen in Ordnung und katastrophal. Die Platzierung der Diakritika ist mäßig; Modifikationszeichen scheinen in vielen Fällen mechanische Verkleinerungen anderer Glyphen ohne Anpassung der Strichstärke zu sein. In einem Fall überlappen Diakritikum und Grundbuchstabe sogar, was aus irgendwelchen technischen Gründen dazu führt, dass die überlappenden Stellen invertiert, also weiß statt schwarz, dargestellt werden. Wenn man in einem aus der Bembo gesetzten Text einige wenige Lautschrifttranskriptionen einfügen will, könnte man die Verwendung der Cardo erwägen. In allen anderen Fällen würde ich die Finger davon lassen.
  • Charis (SIL International)
    Diese Antiqua – robust im Erscheinungsbild und in vier Schnitten verfügbar – basiert auf Matthew Carters Charter, deren Zeichensatz indes deutlich erweitert wurde.
    IPA-Schriftmuster der Charis
    Auch hier habe ich keine negativen Auffälligkeiten beobachten können; es handelt sich um eine für viele Medien geeignete, gut lesbare Schriftart, die ich gerne empfehle und nutze.
  • Code2000 (James Kass)
    Ich kann mit der Zeichnung der Glyphen dieser Schriftart, die nur in einem Schnitt existiert, nichts anfangen. Viele Buchstaben sind meines Erachtens beulig geraten, haben keinen konsistenten Strichstärkenkontrast, wirken plump. Man denkt an eine nicht mal besonders inspirierte Anfängerarbeit im Bereich der Schriftgestaltung. Indes handelt es sich hierbei wohl nicht um eine ästhetische Studie, sondern vielmehr um einen Versuch, möglichst viele im Unicode-Standard kodierte Zeichen in eine Schrift zu packen – und sei es um den Preis der Eleganz.
    IPA-Schriftmuster der Code2000
    Über die Vollständigkeit und Funktionsfähigkeit kann ich kaum Schlechtes sagen, aber freiwillig würde ich eine derart hässliche Schriftart nicht verwenden.
  • Consolas (Lucas de Groot)
    Diese in vier Schnitten vorliegende ClearType-Schrift ist eine der wenigen Festbreitenschriften mit Lautschriftzeichen. Ich habe für so etwas derzeit keine Verwendung, würde aber jedem, der eine hat, ohne Zögern raten, diese insgesamt sorgfältig gezeichnete Schriftart einzusetzen.
    IPA-Schriftmuster der Consolas
    Die oben sichtbaren Problemchen – dürre Modifikationszeichen bzw. Längungssymbole – sind bereits von anderen Schriftarten sattsam bekannt. Leider.
  • Courier New (Howard Kettler)
    In der mir vorliegenden Version (6.90) ist diese Schriftart – ein Klassiker unter den Nichtpro­portionalen – für IPA-Transkriptionen leider nach wie vor unbrauchbar.
    IPA-Schriftmuster der Courier New
    Mehrere Diakritika, die unterhalb anderer Zeichen erscheinen sollten, stehen stattdessen neben den jeweiligen Buchstaben. Die entsprechende Repositionierung scheint nicht aktiviert worden zu sein. Ab Version 6.85 sind einige der Bugs bezüglich Diakritikaplatzierung, die man in älteren Versionen noch findet, tatsächlich behoben werden; andere Fehler wurden bloß halbherzig angepackt, ohne dass eine wirkliche Verbesserung erreicht worden wäre.
  • DejaVu Sans/Sans Mono/Serif (Jim Lyles & Co.)
    Alle Schriften, unter einer freien Lizenz veröffentlicht und daher kostenlos verfügbar, haben mindestens vier Schnitte mit Lautschriftzeichen. Nicht alle Glyphen sind gut gezeichnet, aber bei Lesegrößen dürften kleinere Mängel kaum auffallen. Eine Besonderheit ist, dass sowohl die Grotesk als auch die Egyptienne in schmalen Varianten (Condensed) zu haben sind – als meines Wissens einzige Schriftarten mit IPA-Unterstützung. Auch ist eine serifenlose Monospace-Variante Teil der Familie. Ich zeige hier die normalbreite, proportionale Grotesk und die schmale Egyptienne:
    IPA-Schriftmuster der DejaVu Sans
    IPA-Schriftmuster der DejaVu Serif
    Fehlende Zeichen oder verrutschte Diakritika bereiten in der Sans keine Sorgen, in der Serif holpert es noch etwas mehr (jeweils Version 2.35). Die Tatsache, dass es sich um ein Open-Source-Projekt handelt, bedeutet allerdings, dass man selbst zur Verbesserung beitragen kann, indem man Fehler meldet oder, wenn man sich das zutraut, selbst behebt.
  • Doulos (SIL International)
    Es handelt sich hierbei um eine in einem Schnitt verfügbare kostenlose Lautschrifterweiterung zur Times New Roman, die auf den ersten Blick für jeden, der – zum Beispiel durch sein Betriebssystem – bereits eine Times mit IPA-Zeichen hat, uninte­ressant ist.
    IPA-Schriftmuster der Doulos
    Viele der Lautschriftzeichen wurden allerdings komplett neu gezeichnet. Dabei sind teilweise etwas sonderbare, aber in vielen Fällen auch bessere Formen entstanden. Man vergleiche nur die Modifikationszeichen oder das Längungssymbol mit denen der Times New Roman.
  • Everson Mono (Michael Everson)
    Von den hier vorgestellten Festbreitenschriften ist diese von der Funktionalität her im Mittelfeld: Alle relevanten Zeichen sind vorhanden. Die meisten Diakritika sind weitgehend richtig platziert, auch wenn die Abstände zwischen Grund- und Modifikationszeichen oft allzu knapp ausfallen. Das ist mehr, als man etwa von der Courier New sagen kann; bei der Consolas dagegen ist vieles deutlich ausgereifter. Gestalterisch bleibt für die Everson Mono aus meiner Sicht nur der letzte Platz übrig.
    IPA-Schriftmuster der Everson Mono
    Im Grunde handelt es sich um eine Serifenlose mit konstanter Strichstärke. Es erstaunt, dass es in der Praxis dann doch schwierig ist, diesen scheinbar einfachen gestalterischen Ansatz überzeugend umzusetzen. Selbst ein so häufiger Buchstabe wie ›e‹ sieht, wenn man genauer hinschaut, wie eine misslungene automatische Vektorisierung aus. Die IPA-Symbole sind dann okay, wenn sie weitgehend aus geraden Linien zusammengesetzt sind. Sobald Kurven ins Spiel kommen, werden die Glyphen beulig. In Lesegrößen verschwimmen kleinere Unebenheiten vielleicht hinreichend, um diese Schriftart trotzdem benutzen zu können. Vor dem Hintergrund, dass Festbreitenschriften selten für phonetische Transkriptionen verwendet werden und viele Nutzer gängiger Betriebssysteme bereits mindestens eine bessere Monospace mit IPA-Zeichen auf ihrem Rechner haben, erscheint diese Schrift jedoch überflüssig. Wer sie trotzdem nutzen möchte, muss per PayPal $25 für eine Lizenz bezahlen.
  • Fedra Serif Phonetic (Peter Biľak)
    Die phonetische Erweiterung der Fedra Serif A wurde im Auftrag von HarperCollins Publishers für die Wörterbücher des Verlags entworfen (und darin verwendet, wie hier zu sehen ist). Ein Font mit diesen Zeichen war eine Weile lang auf der Website von Typotheque verfügbar, wurde dann aber vom Markt genommen, da nicht alle Symbole des IPA abgedeckt waren. Unter anderem das für die enge Transkription deutscher Wörter verwendete [ʁ] war nicht enthalten.
    IPA-Schriftmuster der Fedra
    Die Zeichen, die der Font enthält, sind nach meinem Eindruck mehrheitlich sorgfältig gezeichnet. Einige Diakritika sitzen schief und die Modifikationszeichen erscheinen teilweise mager. Im Hinblick auf die positionale Anpassung von gedrehten und gespiegelten Zeichen nimmt die Fedra eine gemäßigte Haltung ein: Einerseits erkennt man, dass die Kurven und deren Strichstärke in einigen Fällen modifiziert wurden. So sind zwar [a] und [ɐ] bzw. [ɑ] und [ɒ] bis auf die Drehung identisch, aber [e] und [ə], [c] und [ɔ] bzw. [ɛ] und [ɜ] sind es nicht. Das spricht für ein überlegtes Vorgehen beim Entwurf der Zeichen. Andererseits wurde die Serifenstruktur gedrehter und gespiegelter Zeichen nicht angetastet. Zwar erhalten [ʌ] und [ʍ] unten stabilere Serifen, die [v] und [w] oben nicht brauchen, aber Symbole wie [ɯ] oder [ɹ] sind dann doch komplett identisch mit den Grundzeichen. Ich zweifle nicht daran, dass diese Vorgehensweise nicht in Nachlässigkeit begründet liegt, sondern bewusst gewählt wurde. Dennoch hätte es mir gefallen, wenn nach dem ersten Schritt in Richtung einer eigenständigen Gestaltung aller IPA-Zeichen auch der zweite – die chirographische Anpassung der Serifenstruktur – gemacht worden wäre. Peter Biľak, der Vater der Fedra, hat mich allerdings wissen lassen, dass er ohnehin einiges anders anpacken würde, wenn er noch einmal beauftragt würde, eine Schriftart um phonetische Zeichen zu ergänzen. Die Fedra Serif Phonetic ist in ihrer hier gezeigten Version übrigens nach wie vor auf Anfrage von Typotheque zu beziehen.
  • Fira Sans (Ralph du Carrois, Anja Meiners, Botio Nikoltchev & Erik Spiekermann)
    Die Fira Sans ist eine von der Mozilla Foundation in Auftrag gegebene und unter der SIL Open Font License verbreitete Schriftfamilie. Wenn Erik Spiekermann bei einer solchen Arbeit beteiligt ist, weiß man schon, dass das Ergebnis wohl eine weitere Interpretation der PT 55 sein wird – der Schriftart also, die vor dreißig Jahren von der Deutschen Bundespost bestellt und nie abgeholt wurde und letztlich als FF Meta erschien. Auch die Fira Sans atmet dieses wohlvertraute Flair der späten 80er-Jahre, das der Meta und vielen anderen Entwürfen Spiekermanns eigen ist. Für die einen schmeckt das nach dem dutzendsten Aufguss desselben fad gewordenen Rezepts; andere freuen sich, die wohl bestausgebaute Meta aller Zeiten kostenlos zu bekommen. Die Meta gab es bereits in acht Strichstärken. Bei der Fira hat man das gerade mal so eben verdoppelt. Auch unterstützt die Fira neben dem lateinischen auch das kyrillische Alphabet sowie polytonisches Griechisch. Und eben IPA-Symbole:
    IPA-Schriftmuster der Fira Sans
    Für den phonetischen Satz ist die Fira Sans insofern eine wertvolle Ergänzung, als es bisher nur wenige serifenlose Schriftarten gab, bei denen alle IPA-Symbole von kundiger Hand gezeichnet sind und einwandfrei funktionieren. Wer den klassischen Charme der Meta nicht scheut, findet hier eine Schrift vor, mit der man arbeiten kann. Außer den Ligaturen der Tonzeichen klappt alles reibungslos. Dem Bindungsbogen könnte man nach oben etwas mehr Luft geben, aber das ist Kritik auf hohem Niveau. Wichtig ist übrigens, keine Versionen vor der hier gezeigten (4.105) zu verwenden; ältere Fassungen litten noch unter einer Reihe von inzwischen behobenen Bugs.
  • Garvis (James Todd)
    Die Garvis Pro, veröffentlicht 2012, ist eine der neueren Schriftarten für IPA-Transkriptionen und liegt in vier Schnitten vor (Book, Italic, Semibold und Bold – also leider keine fette Kursive). Insbesondere das Vorhandensein einer Halbfetten erfreut, da die Bold-Varianten anderer Schriftarten oft sehr massiv ausfallen. Bei der Garvis kann man also auf dezentere Weise hervorheben. Auch die Kursive, die sich bei einigen Symbolen extravagante Formen leistet, ist eine interessante Ergänzung.
    Garvis
    Der Symbolbestand der Schriftart ist, soweit ich sehe, vollständig. Die Dimensionierung des Längungs- und des Betonungszeichens überzeugt. Neben den nicht funktionierenden Tonligaturen dürfte die fehlerhafte Platzierung von Diakritika das Hauptproblem darstellen: Einige sitzen ziemlich schief. In den letzten beiden Zeilen sieht man, was passiert, wenn ein Zeichen mit Unterlänge mit einem Diakritikum versehen wird (bzw. man sieht, was eigentlich nicht passieren sollte). Auch könnte man die Form des kursiven [ʌ] noch mal überdenken: In der Aufrechten ist es kein Problem, wenn das Zeichen direkt von ›v‹ abgeleitet wird. In der Kursiven sieht ein kursives, gedrehtes ›v‹ dagegen etwas sonderbar aus. Hier empfiehlt es sich, die aufrechte Form schlicht zu verschrägen. Ferner benötigt die Kursive ein alternatives zweistöckiges [a], da das normale ›a‹ in der Kursiven einstöckig wird und sich dann nicht mehr vom bereits in der Aufrechten einstöckigen [ɑ] unterscheidet. Vor allem in der Kursiven könnte übrigens ein wenig nachgekernt werden.
  • Gentium (Victor Gaultney)
    Ich weiß nicht, was es ist, das mich jedes Mal, wenn ich das Vorhaben fasse, einen Text in der Gentium zu setzen, schnell wieder davon abkommen lässt. Ich kriege diese Schriftart (noch) nicht recht in den Griff. Über ihre Lautschriftzeichen kann ich indes nur Positives vermelden. Aus ihnen – wie aus dem Gesamtentwurf, was meine Irritation nur noch schwerer begreiflich macht – sprechen Verstand, Geschick und Sorgfalt: ein mustergültiger IPA-Font.
    IPA-Schriftmuster der Gentium
    Ich kann diese Schriftart, die mit der Position angepassten Serifenstrukturen daherkommt, nur empfehlen. Vielleicht gelingt es anderen ja, sie im Fließtext zum Klingen zu bringen.
  • Heuristica (Robert Slimbach & Andrey Panov)
    Dies ist eine kostenlose Erweiterung von Robert Slimbachs Utopia in vier Schnitten, und zwar eine gelungene, wie ich meine. Die Lautschriftzeichen sind fast durch die Bank ordentlich gezeichnet, die Diakritika sitzen – hier passt das allermeiste.
    IPA-Schriftmuster der Heuristica
    Ein kleiner Wermutstropfen neben wenigen fehlenden Zeichen: Das Strichlein für Nebenbetonungen hängt ungewöhnlich tief unter der Grundlinie und verliert dadurch ungünstig­stenfalls den Zusammenhang mit dem Wort, dem es vorangeht. Darüber lässt sich vielleicht hinwegsehen, wenn man bedenkt, dass es wohl keine andere Schriftfamilie gibt, die sowohl über IPA-Symbole wie auch über in mehreren optischen Größen gezeichnete Schnitte verfügt.
  • Huronia (Ross Mills)
    Von dieser Schriftart gibt es eine in drei Schnitten (Regular, Italic, Bold) vorliegende Version, die bei der Rosetta Type Foundry erhältlich ist. Diese Fassung enthält allerdings keine Lautschriftzeichen – anders als eine noch im Beta-Stadium befindliche ›Professional Edition‹, die direkt von Tiro Typeworks bezogen werden kann. Neben IPA-Symbolen unterstützt der Regular-Schnitt der Tiro-Version zusätzlich indigene Sprachen Nordamerikas, die mit dem lateinischen Alphabet geschrieben werden, sowie Griechisch in polytonischer Orthografie.
    IPA-Schriftmuster der Huronia
    Die schmal laufende Schriftart hat einen im positiven Sinne eigenen Duktus und weist eine Serifenstruktur auf, die wie oben beschrieben an die Ausrichtung der Zeichen angepasst wurde. Die Tatsache, dass es sich noch um eine Beta-Fassung handelt, schlägt sich darin nieder, dass Zeichen fehlen und Diakritika schief sitzen – aber das, was da ist, überzeugt. Man beachte insbesondere das mit reichlich Schwung gezeichnete ›modifizierende Knacklaut-Zeichen‹ (U+02C0).
  • Junicode (Peter Baker)
    Dafür, dass diese Schriftart – zum Zweck mediävistischer Transkriptionen – nicht von einem professionellen Designer gezeichnet wurde, sehen die Zeichen gar nicht schlecht aus. Alle Symbole sind vorhanden und außer den Tonligaturen scheint auch alles zu funktionieren.
    IPA-Schriftmuster der Junicode
    Wäre die Junicode die einzige kostenlos verfügbare Schriftart mit IPA-Symbolen, würde ich ihr vielleicht mit mehr Begeisterung begegnen. Eine unbrauchbare Schriftart ist sie nicht, aber im Gegensatz zu ihren von noch kundigerer Hand gezeichneten Konkurrenten überzeugt sie dann doch nur mäßig. Für Mediävisten, die zahlreiche der hier enthaltenen, aber in vielen anderen Fonts fehlenden Zeichen benötigen, ist die Junicode wohl interessanter als für Phonetiker.
  • Kozuka Gothic und Kozuka Mincho (Masahiko Kozuka)
    Diese beiden Schriften, die vor allem aufgrund ihrer japanischen Zeichen relevant sind, haben aus welchem Grund auch immer IPA-Symbole mit­bekommen. Ich zeige hier sowohl die Symbole der serifenlosen Kozuka Gothic als auch der Kozuka Gothic mit Serifen.
    IPA-Schriftmuster der Kozuka Gothic
    IPA-Schriftmuster der Kozuka Mincho
    Das Vorhandensein der IPA-Zeichen ist bei der Mincho aus zwei Gründen weniger spannend: Erstens sind deren lateinische Buchstaben eine Variante der Multiple-Master-Schrift Adobe Serif, die gegenüber vielen anderen Antiquæ eher charakterschwach und fade daherkommt. Zweitens ist die (sehr wohl irgendwo in den Fonts vergrabene) Kursive verhältnismäßig schwer zugänglich, was die Attraktivität der Schriftart für aufwändigere Projekte nicht vergrößert. Die Gothic dagegen hat die lateinischen Buchstaben der Myriad mitbekommen, mit der sich die Lautschriftzeichen demnach kombinieren lassen – das ist praktisch. Unpraktisch ist hingegen, dass manche Zeichen, die das IPA mit dem griechischen Alphabet teilt, kursiv stehen, wobei eine aufrechte Variante verfügbar, aber wiederum in den Tiefen des Fonts beerdigt ist. Vom Esh habe ich indes keine brauchbare Variante gefunden; es wurde offenbar als Integral­zeichen oder etwas Ähnliches interpretiert und gestaltet. Auch angesichts einiger schief stehender Diakritika würde ich in der Summe von diesen Schriften beim Lautschriftsatz abraten. Wenn man in einem in der Myriad gesetzten Text eine Hand voll Transkriptionen hat, die man händisch geradebiegen kann, ist es gut, von den Zeichen zu wissen, aber das war es dann auch.
  • LeedsUni (Alec McAllister)
    Wie die Cardo ist auch die LeedsUni im Rahmen der Medieval Unicode Font Initiative (MUFI) entwickelt worden; sie ist eine der wenigen Schriftarten, die einen Großteil des von der MUFI definierten Zeichensatzes abdeckt. Leider ist Alec McAllister, Gründungsmitglied der Initiative, kein ausgebildeter Schriftgestalter – und das sieht man noch deutlicher als bei der Cardo von David J. Perry:
    IPA-Schriftmuster der LeedsUni
    Die LeedsUni, die für nicht-kommerzielle wissenschaftliche Projekte kostenlos verwendet werden darf, ist angeblich so entworfen, dass sie nahtlos mit der Times zu kombinieren ist. Ob dieser Anspruch eingelöst wurde, ist jedoch von sekundärem Belang. Primär fällt nämlich auf, dass es nicht gelungen ist, eine Schriftart zu zeichnen, die man ohne Schmerzen ansehen kann. Die Glyphen, die hier und da Anleihen an die Charter/Charis erahnen lassen, machen jeden Fehler, der absoluten Anfängern in der Schriftgestaltung unterläuft. Es ist lobenswert, die digitale Darstellung von mittelalterlichen Texten voranbringen zu wollen, aber wer keine Schriften gestalten kann, müsste sich wohl auf andere Art und Weise engagieren. Andernfalls steckt man eine Menge Zeit in eine Schriftart, die meiner Meinung nach ästhetisch so misslungen ist, dass man von deren Verwendung nur abraten kann.
  • Linux Libertine und Biolinum
    Noch eine kleine Schriftfamilie, die, wie die DejaVu-Schriftarten, unter einer freien Lizenz steht und eher mittelmäßige Lautschriftzeichen mitbringt.
    IPA-Schriftmuster der Linux Libertine
    IPA-Schriftmuster der Linux Biolinum
    Die Mängel bei der Libertine, der Antiqua, sind im Rahmen: Einige Symbole wirken amateurhaft gezeichnet, andere sitzen schief auf der Zeile, manche Diakritika und Modifikationszeichen fallen zu leicht aus. Positiv ausgedrückt: Es gibt Schriften, die was kosten und schlechter sind. Luft nach oben ist dennoch – noch viel mehr bei der Biolinum, einer der Optima ähnlichen Sans, also mit den Charakteristika einer Renaissance-Antiqua, jedoch ohne Serifen. Die Probleme sind unübersehbar, sowohl was die Zeichnung als auch was die Platzierung und Zurichtung der Zeichen angeht. Für den ernsthaften Einsatz würde ich von beiden Schriften abraten; dafür gibt es zu viele bessere IPA-Fonts.
  • Lucida Sans (Charles Bigelow & Kris Holmes)
    Ich bin kein großer Freund der Familie Lucida. Mit Ausnahme der Lucida Bright und der Blackletter wirkt die Mehrzahl der Familienmitglieder auf mich behäbig und plump. Die Lucida Sans steht da an erster Stelle – allerdings nicht ihrer annehmbaren Lautschriftzeichen wegen.
    IPA-Schriftmuster der Lucida Sans Unicode
    Wenige Zeichen fehlen, andere sind nicht mit auffallend viel Eleganz gezeichnet, ein paar Diakritika hängen auf halb acht – aber für durchschnittliche Ansprüche wird hier schon verhältnismäßig viel geboten. Und sogar das Längungssymbol passt.
  • Microsoft Sans Serif
    Die Microsoft Sans Serif ist ein Brüderchen von Helvetica und Arial. Für Laien dürfte sie von beiden schwer zu unterscheiden sein. Schaut man genau hin, sieht man, dass die Serifenlose mit dem generischen Namen Charakteristika beider anderen Schriftarten hat: einerseits das abstrichlose ›a‹ der Arial, andererseits den geraden Abschluss beim ›t‹ der Helvetica. Anders als bei den Geschwistern laufen die Bögen der Microsoft Sans Serif nicht allmählich in die Stämme ein, sondern sind hart angesetzt.
    IPA-Schriftmuster der Microsoft Sans Serif
    Die IPA-Symbole unterscheiden sich von denen der Arial nur marginal (bzw. fast nur in Punkten, in denen die Schriftarten generell voneinander abweichen). Einer der wenigen auffälligen Unterschiede betrifft das Zeichen für den Laut, der sich ›Gerundeter zentralisierter fast geschlossener Hinterzungenvokal‹ nennt, also das [ʊ]. Das der Arial ist relativ offen angelegt und biegt in einer weichen Kurve in die Horizontale ein, während das der Microsoft Sans Serif geschlossener ist und einen härteren Übergang aufweist. Eine weitere Eigenheit der Microsoft Sans Serif liegt in der Form des Zeichens für den ungerundeten offenen Hinterzungenvokal [ɑ]: Anders als bei der Arial hat das Symbol keine gerade Vertikale rechts, sondern spreizt sich leicht, wie es auch beim griechischen Kleinbuchstaben Alpha der Fall ist. Die Tonligaturen funktionieren hier wie da nur halb und der Bindungsbogen hängt in beiden Schriften zu tief. Eine entschiedene Empfehlung für oder gegen eine der beiden Schriftarten zugunsten der anderen ist bei einer so engen Verwandtschaft kaum abzugeben.
  • paintbrushdd (Matthias Luh)
    Unter den mir bekannten Schriftarten, die IPA-Symbole enthalten, ist diese sicher die kurioseste. Es handelt sich um die Digitalisierung von mit dem Pinsel gemalten Buchstaben, also um eine Schriftart, die man idealerweise nur in dreistelligen Punktgrößen einsetzt. Dass in Texten, die man so groß setzen möchte, ausgerechnet phonetische Transkriptionen vorkommen, halte ich für unwahrscheinlich. Sollte man doch mal in IPA plakatieren wollen, kann man das nun auch in diesem Stil tun. Die IPA-Zeichen sind weitgehend gut gezeichnet. Ausnahmen gibt es aber auch einige: [ɟ] zum Beispiel sollte wie ein ›j‹ mit Querstrich und ohne Punkt aussehen, steht aber hier auf der Grundlinie. Für [ɯ] wurde versehentlich dieselbe Glyphe wie für den Approximanten [ɰ] verwendet. [ʏ] steht auf dem Kopf. Ansonsten ist aber selbst die Platzierung der Diakritika zum größten Teil manierlich. Die Tonzeichen fügen sich nicht zu Ligaturen zusammen, aber unter diesem Problem leiden bekanntermaßen auch viele häufiger verwendete Schriften. Insgesamt bekommt man den Eindruck, dass hier nicht willkürlich ein paar Symbole in die Runde geworfen wurden, um die Zahl der unterstützten Zeichen aufzublähen, sondern im Bemühen gearbeitet wurde, eine brauchbare Arbeit abzuliefern. Die Wahrscheinlichkeit, dass diese Schriftart zu diesem Zweck je verwendet wird, steigt dadurch zwar nicht, aber es ist immer erfreulich, der Sorgfalt zu begegnen, wo man sie nicht unbedingt erwartet hat.
  • Pragmata Pro (Fabrizio Schiavi)
    Mit der Pragmata Pro liegt eine extrem multilinguale Festbreitenschrift vor: das lateinische und kyrillische Alphabet in verschiedenen Schattierungen, polytonisches Griechisch, Hebräisch, Arabisch – alles mit dabei. Für IPA-Zeichen war auch noch Platz. Der Zeichensatz scheint ziemlich vollständig zu sein; auf den ersten Blick habe ich keine groben Fehler in den Glyphen entdecken können. Allerdings erweckt die MyFonts-Vorschau den Eindruck, dass die Platzierung der Diakritika unter den Grundzeichen überhaupt nicht funktioniert. In allen Fällen steht das Diakritikum rechts vom Grundzeichen, als ob keinerlei Repositionierung programmiert worden sei. Wenn dem so ist, macht das die Schriftart nicht komplett, aber für mehr als gelegentliche Verwendung unbrauchbar. Bei einzelnen Transkriptionen ließen sich die Diakritika notfalls noch von Hand in die richtige Position bringen.
  • Segoe UI (Steve Matteson)
    Wegen ihrer auffälligen Nähe zur Frutiger könnte man die Lautschrift­zeichen der Segoe UI ohne Weiteres mit den anderen Zeichen der Frutiger kombinieren – wenn Letztere einem denn sonst besser gefällt. Insbesondere die Neue Frutiger bietet mit ihren fein aufeinander abgestimmten Schnitten die Möglichkeit, genau den Grauwert der Segoe zu treffen.
    IPA-Schriftmuster der Segoe UI
    Deren Symbole lassen bloß das zu wünschen übrig, was auch bei vielen anderen Windows-Systemschriften – meiner Ansicht nach – falsch gemacht wurde: ein mikroskopisch feines Zeichen zur Längenmar­kierung, nicht funktionierende Tonzeichen-Ligaturen, ein tief hängender, verrutschter Bindebogen. Alles andere hinterlässt einen aufgeräumten Eindruck.
  • Stone Sans/Stone Serif (Sumner Stone; John Renner)
    Als von all den Gentiums, Brills, DejaVus und Cambrias noch keine Rede war, erschien 1992 dieser Veteran unter den IPA-tauglichen Schriftarten – damals freilich noch nicht im unicodekompatiblen OpenType-Format. Die heute verfügbaren Symbole sind nach meinem Dafürhalten sowohl mit wie auch ohne Serifen kundig gezeichnet und produziert. Über kleine Mängel wie das Fehlen von Tonzeichen-Ligaturen sei großzügig hinweggesehen. Ansonsten gibt es nämlich nichts, das größere Irritationen hervorriefe, was man von den beiden Schriftarten insgesamt sagen kann. Man hat sich über die Jahre an sie gewöhnt, sie rufen kein Zungenschnalzen mehr hervor, aber ich sähe keiner größeren Arbeit mit diesen beiden sorgenvoll entgegen.
  • Tahoma (Matthew Carter & Tom Rickner)
    Die Tahoma ist nicht ob ihrer Eleganz, sondern aufgrund der robusten Formen, der großen x-Höhe und der für eine Sans ordentlichen Lesbarkeit beliebt. Die IPA-Symbole enttäuschen in dieser Hinsicht nicht. Das Allermeiste ist anständig gezeichnet und aufeinander abgestimmt.
    IPA-Schriftmuster der Tahoma
    Lediglich einige diakritische Zeichen, die optisch zu dünn ausfallen, stechen unangenehm hervor, wenngleich gegen die Platzierung größtenteils nichts einzuwenden ist. Als bekanntes Übel bei Windows-System­schriften ist auch hier die Längenmarkierung arg mager gezeichnet; zudem haben die Betonungszeichen eine Menge Luft zu beiden Seiten. Das trübt indes nicht den Eindruck von einem grundsoliden Zeichensatz, mit dem man nicht brillieren, aber arbeiten kann.
  • TheAntiquaB (Lucas de Groot)
    Mit seiner in fünfzehn Strichstärken gezeichneten taz III ist de Groot bereits der König der Schriftgewichte. Durch die Lautschrifterweiterung für TheAntiqua gilt dies nun auch auf phonetischem Gebiet. Ich kenne keine andere Antiqua, die IPA-Zeichen in sieben Stärken von Light bis Black anbietet. Auch wenn es sich um ›work in progress‹ handelt, sind die Ergebnisse schon jetzt vielversprechend.
    IPA-Schriftmuster der TheAntiqua
    Noch fehlen, wie man sieht, einige (Modifikations-)Zeichen; auch klappt die Platzierung von Diakritika nicht so, wie sie soll. Dennoch könnten die IPA-Symbole schon jetzt für diejenigen eine Überlegung wert sein, die davon profitieren wollen, dass sich TheAntiqua problemlos mit allen anderen Mitgliedern der Thesis-Sippe (TheSans, TheMix usw.) kombinieren lässt.
  • Times (Victor Lardent & Stanley Morison)
    Jeder kennt sie; alle Erläuterungen zur Schrift selbst sind wohl überflüssig – außer dem Hinweis, dass IPA-Symbole in allen vier Schnitten vorliegen.
    IPA-Schriftmuster der Times New Roman
    Abgesehen von den nicht funktionierenden Tonzeichen-Ligaturen und den mal wieder dünn ausfallenden Betonungs- und Längungszeichen, die in kleinen Schriftgrößen beinahe vom Papier aufgesogen zu werden drohen, gibt es hier wenig Negatives zu vermelden. Die Times ist, ähnlich wie die Arial, kein Fehler, aber auch kein mutiges Statement.
  • Underground Pro (Edward Johnston & Paul Hunt)
    Auch bei dieser Schriftart – einer zu sechs Schnitten ausgebauten Digita­li­sierung der ›Transport for London‹-Schrift – ist die Ergänzung von Lautschrift­zeichen eher überraschend. Meine erste Wahl für ein Wörterbuch wäre die Underground jedenfalls nicht. Abgesehen von ein paar fehlenden Diakritika lässt sich wenig gegen die IPA-Symbole einwenden. Allerdings bin ich persönlich nicht einverstanden damit, wie die Schrift gezeichnet wurde, und finde die ITC Johnston die deutlich bessere Digitalisierung derselben Vorlage. Das schließt indes die Möglichkeit nicht aus, die Lautschriftzeichen der Under­ground mit den restlichen Buchstaben der ITC Johnston zu kombinieren. Dann sollte man vielleicht auch darüber nachdenken, das Längungszeichen zu ersetzen. Das ist nämlich, anders als bei vielen anderen Schriftarten, ein Klopper, der bloß im Heavy-Schnitt halbwegs am rechten Platz wirkt.
  • Voces (Ana Paula Megda & Pablo Ugerman)
    Diese bisher nur in einem Schnitt verfügbare Schriftart ist ein optisch gefälliges und – mit Tintenfallen und einer großzügigen x-Höhe für den Druck in kleinen Graden – wohlüberlegtes Unterfangen, dem es allerdings in puncto Laut­schrift­zeichen an der letzten Raffinesse mangelt.
    IPA-Schriftmuster der Voces
    Einige (wenige) Zeichen fehlen noch; bei anderen – etwa dem vorzugsweise zweistöckigen IPA[ɡ], das in der Voces fälschlicherweise dreistöckig erscheint – müsste die Form überarbeitet werden. Die Diakritika sind teilweise einwandfrei, teilweise aber auch ziemlich schepp platziert. Wer dem geschenk­ten Gaul nicht zu tief ins Maul schauen will und die fehlenden Zeichen vielleicht gar nicht braucht, ist hier allerdings nicht schlecht beraten.
  • Yu Gothic (游ゴシック体; Toriumi Osamu et al.)
    Die Yu Gothic ist eine Schrift, die im Auftrag von Microsoft bei JiyuKobo fürs Japanische entwickelt wurde. Dementsprechend liegt der gestalterische Fokus auf Kanji und Kana. Die Buchstaben des lateinischen, griechischen und kyrillischen Alphabets gibt es als kleine Zugabe. Die IPA-Zeichen darf man dann wohl als Zugabe zur Zugabe betrachten. Interessant sind die, ähnlich wie bei der weiter oben genannten Kozuka Gothic, vor allem deswegen, weil die lateinische Komponente der Yu Gothic einer anderen wohlbekannten Schriftart ähnelt. In diesem Fall haben amerikanische Groteskschriften – insbesondere die News Gothic, wenn ich mich nicht verkucke – Pate gestanden. Ab Windows 8.1 sind vier Strichstärken dabei von einer recht eleganten Light bis zu einer stämmigen Bold.
    IPA-Schriftmuster der Yu Gothic
    Für eine Zugabe zur Zugabe ist die IPA-Ausstattung hinnehmbar: Die Symbole sind weitgehend komplett vorhanden und mit sicherer Hand gezeichnet, auch wenn man sich in Einzelfällen – wie schon bei den Kozuka-Schriften – die nicht-kursiven Formen aus der Zeichentabelle fischen muss. Die Lage bei den Diakritika ist etwas weniger rosig. Exakt richtig ist keines der Zeichen platziert; auch fehlen offensichtlich einige Zusatzsymbole. Für ein paar verstreute Transkriptionen ist das gut genug, aber für größere Arbeiten muss man die Yu Gothic nicht auf dem Zettel haben.

Zu lang, nicht gelesen? Die aus meiner Sicht für den Lautschriftsatz empfehlenswertesten Schriftarten sind Calibri, Fira Sans und Segoe (ohne Serifen) sowie Brill, Cambria, Charis und Gentium (mit Serifen). Wer weitere für jedermann lizenzierbare Schriften kennt, die Lautschriftzeichen enthalten und hier nicht erwähnt sind, lasse es mich gerne in den Kommentaren wissen.

Update (13.8.2015)

Ich habe die ursprüngliche Liste um alle in Windows 10 enthaltenen Systemfonts ergänzt bzw. die Abbildungen und Beschreibungen auf die in Windows 10 enthaltenen Versionen der Schriftarten aktualisiert. Außerdem sind einige weitere Schriftarten hinzugekommen, die seit der Veröffentlichung der Liste erschienen sind oder in der vorherigen Version schlicht übersehen worden waren.

Ein Gedanke zu „Es gilt das gesprochene Wort: Schriftarten für IPA-Transkriptionen

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